Dieses Dogma ist kein Irrtum — es ist eine Lebenshaltung. Es steht im direkten Widerspruch zum Perfektionismus-Dogma der Moderne: „Nur das Mängelfreie darf veröffentlicht werden." Und es steht im Widerspruch zur akademischen Tradition: „Was nicht bewiesen ist, darf nicht behauptet werden."
Das Mainfränkische „Ebbes ist mehr wie Ebbes" — hochdeutsch: „Etwas ist mehr als nichts" — trägt eine eigene Philosophie: Das Unvollendete das existiert, ist wertvoller als das Vollendete das nie entsteht.
Wer auf 100% wartet, veröffentlicht nie. Die Welt verändert sich schneller als jedes Manuskript fertig werden kann. Was heute 90% ist, ist morgen durch neue Erkenntnisse bereits überholt — also de facto wieder 70%. Der Perfektionist läuft einem Horizont hinterher der sich mit ihm bewegt.
Das Buchp selbst ist der lebendige Beweis: Es wuchs in einer Woche von 43 auf 84 Seiten, dann auf 105 Seiten — nicht durch Vollendung einzelner Kapitel, sondern durch mutiges Veröffentlichen von Entwürfen die weitergedacht werden wollten. Jedes Dogmen-Kapitel ist ein offenes Dokument — mit Versionsnummer, Entwurfsstatus, Datum. Das ist kein Mangel — das ist Methode.
Das Dogma fordert vom Leser etwas das unsere Kultur verlernt hat: Abweichungs-Duldsamkeit — die Bereitschaft, ein unvollendetes Werk als solches anzunehmen und trotzdem mit ihm zu arbeiten.
Software-Entwickler kennen das als „Release early, release often." Wissenschaftler nennen es „Preprint." Künstler nennen es „Skizze." Das Buchp nennt es: Schreiben am Omegapunkt.
Nicht jedes „Ebbes" ist gleich viel wert. Das Dogma braucht eine Präzisierung:
100% ist kein Zustand — es ist eine Richtung. Das Buchp-Versionssystem trägt dem Rechnung: jede Fassung trägt Datum und Versionsnummer. Nicht weil sie unfertig ist — sondern weil sie lebt.
„Ebbes ist mehr wie Ebbes" ist selbst ein Oxymoron — es klingt wie eine Banalität, ist aber eine Erkenntnistheorie. Es gehört in die Familie der großen Odenwald-Weisheiten die in ihrer scheinbaren Schlichtheit das Tiefste treffen.
Das verwandte Oxymoron des Buchp lautet: „Herrlich unerträglich" — der Zustand des Schreibens am Omegapunkt, wo Erkenntnis und Frustration, Vollendung und Unvollendung unauflöslich ineinandergreifen.