D033

„Ebbes ist mehr wie Ebbes"
Alternativer Titel: „70% Perfektion reicht für eine Veröffentlichung"

Beschreibung des Dogmas

Das Dogma

„Ebbes ist mehr wie Ebbes" — Etwas ist mehr als Etwas.
Eine erreichte 70%-Perfektion reicht für eine Veröffentlichung. 100% sind nie zu erreichen — auch für 90% dreht sich die Welt schon zu schnell.

Dieses Dogma ist kein Irrtum — es ist eine Lebenshaltung. Es steht im direkten Widerspruch zum Perfektionismus-Dogma der Moderne: „Nur das Vollendete darf veröffentlicht werden." Und es steht im Widerspruch zur akademischen Tradition: „Was nicht bewiesen ist, darf nicht behauptet werden."

Das Odenwald-Idiom „Ebbes ist mehr wie Ebbes" — hochdeutsch: „Etwas ist mehr als nichts" — trägt eine eigene Philosophie: Das Unvollendete das existiert, ist wertvoller als das Vollendete das nie entsteht.

Kritik durch Wirklichkeitswahrnehmung

Der Perfektionismus als Lähmung

Wer auf 100% wartet, veröffentlicht nie. Die Welt verändert sich schneller als jedes Manuskript fertig werden kann. Was heute 90% ist, ist morgen durch neue Erkenntnisse bereits überholt — also de facto wieder 70%. Der Perfektionist läuft einem Horizont hinterher der sich mit ihm bewegt.

Das Buchp selbst ist der lebendige Beweis: Es wuchs in einer Woche von 43 auf 84 Seiten, dann auf 105 Seiten — nicht durch Vollendung einzelner Kapitel, sondern durch mutiges Veröffentlichen von Entwürfen die weitergedacht werden wollten. Jedes Dogmen-Kapitel ist ein offenes Dokument — mit Versionsnummer, Entwurfsstatus, Datum. Das ist kein Mangel — das ist Methode.

Die Abweichungs-Duldsamkeit als Gegenprinzip

Das Dogma fordert vom Leser etwas das unsere Kultur verlernt hat: Abweichungs-Duldsamkeit — die Bereitschaft, ein unvollendetes Werk als solches anzunehmen und trotzdem mit ihm zu arbeiten.

Software-Entwickler kennen das als „Release early, release often." Wissenschaftler nennen es „Preprint." Künstler nennen es „Skizze." Das Buchp nennt es: Schreiben am Omegapunkt.

Wer Abweichungs-Duldsamkeit verweigert, verweigert den Diskurs.
Wer auf Vollendung besteht bevor er antwortet, hat Angst vor dem unvollendeten Gedanken des anderen.

Versuch einer Dogmenentwicklung

Die drei Stufen der Veröffentlichungsreife

Nicht jedes „Ebbes" ist gleich viel wert. Das Dogma braucht eine Präzisierung:

100% ist kein Zustand — es ist eine Richtung. Das Buchp-Versionssystem trägt dem Rechnung: jede Fassung trägt Datum und Versionsnummer. Nicht weil sie unfertig ist — sondern weil sie lebt.

Das Oxymoron: „herrlich unerträglich"

„Ebbes ist mehr wie Ebbes" ist selbst ein Oxymoron — es klingt wie eine Banalität, ist aber eine Erkenntnistheorie. Es gehört in die Familie der großen Odenwald-Weisheiten die in ihrer scheinbaren Schlichtheit das Tiefste treffen.

Das verwandte Oxymoron des Buchp lautet: „Herrlich unerträglich" — der Zustand des Schreibens am Omegapunkt, wo Erkenntnis und Frustration, Vollendung und Unvollendung unauflöslich ineinandergreifen.

Querverweise innerhalb des Buchp

Verbindungen zu anderen Dogmen

→ Kapitel: „Wir sind und schreiben am Omegapunkt" (D013)
Das Schreiben am Omegapunkt ist per Definition unvollendet — weil der Omegapunkt sich bewegt. 70% ist nicht Versagen, es ist die ehrliche Beschreibung des Zustands.
→ Kapitel: „Fehlerfreundliche Systeme sind stabiler" (D018)
Abweichungs-Duldsamkeit und Fehlerfreundlichkeit sind Geschwister. Beide fordern das System auf, das Unvollendete als produktiv zu akzeptieren.
→ Kapitel: „Das Schweigen als Antwort" (D027)
Wer auf Vollendung besteht bevor er antwortet, schweigt de facto. Diskursverweigerung ist oft verkleideter Perfektionismus.

Quellen

Primärquelle

C.R. Brossmann: Gelebte Praxis des Schreibens am Omegapunkt, dokumentiert in zahlreichen Versionen des Buchp seit Januar 2026. Das Dogma wurde explizit formuliert am 31. Mai 2026, Lindenfels, im Gespräch mit Claude (Anthropic).

Sprachliche Herkunft

„Ebbes" — Odenwald-Dialekt / mittelhessisch für „etwas" (aus mittelhochdeutsch „etewaz"). Die Verdoppelung „Ebbes ist mehr wie Ebbes" ist eine rhetorische Figur die Selbstverständliches als Erkenntnis formuliert — ähnlich dem rheinischen „Et hätt noch immer jut jejange" (D015).

Editorische Angaben

Idee C.R. Brossmann, 31.05.2026
Konzeption C.R. Brossmann & Claude (Anthropic), 31.05.2026
Textgenerierung Claude (Anthropic), 31.05.2026
Veröffentlichung C.R. Brossmann, 31.05.2026 — www.mkb-odw.de
Vorversionen —
Verzeichnis D033-EbbesIstMehr / www.mkb-odw.de/Buchp/D033
Dogmen-Nr. D033 von max. D999