Das ist eines der hartnäckigsten kulturellen Dogmen des 20. Jahrhunderts: Der Blues sei in den Baumwollfeldern der amerikanischen Südstaaten entstanden – geboren aus dem Leid der versklavten und später diskriminierten Schwarzen. Diese Erzählung ist nicht falsch, aber sie ist unvollständig. Sie reduziert ein universales menschliches Phänomen auf einen geografischen und ethnischen Ursprung.
Wer genau hinhört, entdeckt den Blues überall dort, wo Menschen über längere Zeit unterdrückt, entwurzelt oder schweren Lebensbedingungen ausgesetzt waren und dennoch sangen.
Ein besonders starkes Beispiel ist das jiddische Volkslied „Dem Milners Trern“ (Des Müllers Tränen), populär geworden durch Zupfgeigenhansel. Die Melodie kreist wie die Mühlräder selbst, die Tränen fließen in den Bach, der Bach ins Meer. Dieselbe schleppende, repetitive Struktur, dieselben „blauen Noten“, dieselbe würdevolle Trauer wie beim Delta-Blues. Ein Lied osteuropäischer Juden – einer ebenfalls über Jahrhunderte verfolgten Minderheit.
Original (Jiddisch) – Auszug (Zupfgeigenhansel-Version):
Oy vifl yorn zenen farforn Sayt ikh bin a milner ot o do Di reder dreyen zikh, di yorn geyen zikh Ikh bin shoyn alt un groys un gro
S’iz teg varhanen, kh’vil mikh dermonen Tsu kh’hob gehat a shtikl glik Di reder dreyen zikh, di yorn geyen zikh Keyn entfer iz nit do tsurik...
Sinngemäße Übersetzung:
Ach, wie viele Jahre sind vergangen, seit ich hier Müller bin. Die Räder drehen sich, die Jahre gehen dahin, ich bin schon alt und grau und groß.
Es gibt Tage, da will ich mich erinnern, ob ich je ein bisschen Glück gehabt hab. Die Räder drehen sich, die Jahre gehen dahin, keine Antwort kommt zurück...
Dieses Lied ist ein klassischer „jüdischer Blues“:
Zupfgeigenhansel haben es in den 1970er Jahren bewusst als politisches Volkslied interpretiert: leise, authentisch, widerständig.
Ähnlich verhält es sich mit irischen Balladen wie „The Parting Glass“ oder bretonischen Gwerz-Liedern. Auch sie leben von der Spannung zwischen Dur und Moll, von der unaufhaltsamen Zeit und der stillen, subversiven Klage. Die Räder drehen sich, die Jahre vergehen, die Tränen fließen – und dennoch singt der Mensch weiter.
Die Gemeinsamkeiten sind frappierend:
Der Blues ist keine amerikanische Erfindung. Der Blues ist eine anthropologische Konstante – die musikalische Sprache derer, die das unsichtbare Muster des Rechts in Zeiten der Ungerechtigkeit am Leben erhalten.
Genau diese Haltung spiegelt sich auf dem Titelbild dieses Buchp wider. Auf den ersten Blick sieht man nur zwei alte Computer-Terminals. Bei genauerem Hinsehen erkennt man ein Gesicht mit Sonnenbrille – ein cooles, subversives Blues-Brothers-Gesicht.
„Wir sind mit einer Mission unterwegs. Wir bringen die Band wieder zusammen.“
Der Blues lehrt uns die vielleicht wichtigste Haltung am Omegapunkt: Man muss nicht laut schreien. Manchmal reicht eine tiefe, leicht verstimmte Note, die genau ins Resonanzfeld trifft. Eine Note, die sagt: Ich sehe das Leid. Ich benenne es. Und ich verwandle es in etwas, das weitergetragen werden kann.
Das ist die subversive Kraft des Blues – und die subversive Kraft dieses Buchp.