Das Dogma und seine Besonderheit
Dieses Kapitel beginnt mit einem Eingeständnis: Das formulierte Dogma ist bereits eine Verfälschung. Der Buddhismus ist keine Textreligion — er ist eine Erfahrungsreligion. Der Buddha selbst hat geschwiegen, wenn man ihn nach dem Nirvana fragte. Nicht aus Unwissen, sondern weil Nirvana kein Begriff ist, der sich in Sprache fassen lässt, ohne sofort falsch zu werden.
Das macht den Buddhismus zum interessantesten Fall in diesem Buchp: Es ist das einzige große Denksystem, das seine eigene Verschriftlichung von Anfang an als unzureichend markiert. Alle anderen Dogmen behaupten, den Kern getroffen zu haben. Der Buddhismus sagt: Der Kern entzieht sich dem Text — genau wie das Recht, wie wir im vorigen Kapitel gesehen haben.
Teilhard de Chardin schrieb Der Mensch im Kosmos in Peking — konfrontiert täglich mit einer Kultur, in der Buddhistisches Denken die Luft durchtränkte. Seine Noosphäre, sein Omegapunkt — sie sind ohne diese Konfrontation nicht denkbar. Der Jesuit und der Buddha kreisen um dasselbe: das Ziel der Entwicklung, das sich dem direkten Zugriff entzieht.
2. Kurze Beschreibung des Buddhismus — die Kernbegriffe
Der Buddhismus entstand im 5. Jahrhundert v. Chr. in Nordindien durch Siddhartha Gautama — den Buddha, den "Erwachten". Er ist keine Offenbarungsreligion: kein Gott, kein Schöpfer, keine heilige Schrift im Sinne eines göttlichen Diktats. Was der Buddha lehrte, war das Ergebnis eigener Erfahrung — und er lud andere ein, dieselbe Erfahrung zu machen, nicht seinen Worten zu glauben.
Die vier Grundwahrheiten — die sogenannten Vier Edlen Wahrheiten:
Dukkha — Das Leben enthält Leiden, Unbefriedigung, Vergänglichkeit. Nicht als Strafe, sondern als strukturelle Bedingung der Existenz.
Samudaya — Der Ursprung des Leidens ist Begehren, Anhaftung, das Festhalten an dem was vergeht.
Nirodha — Die Aufhebung des Leidens ist möglich. Das ist Nirvana — nicht Auslöschung, sondern das Erlöschen des Begehrens.
Magga — Der Weg dorthin ist der Achtfache Pfad: rechte Erkenntnis, rechte Gesinnung, rechtes Reden, rechtes Handeln, rechter Lebenserwerb, rechtes Bemühen, rechte Achtsamkeit, rechte Sammlung.
Der Begriff Anatta — das Nicht-Selbst — ist der philosophisch radikalste: Es gibt kein dauerhaftes, unveränderliches Ich. Was wir als Selbst erleben, ist ein kontinuierlicher Prozess, keine Substanz. Das deckt sich — wie der zitierte Satz von Planet-Wissen treffend bemerkt — mit der Quantenmechanik: Die Eigenschaften der Materie sind abhängig vom Beobachter. Es gibt kein beobachterunabhängiges Ding-an-sich.
Kant hätte genickt.
Anicca — Unbeständigkeit — ist das dritte Grundmerkmal: Alles verändert sich, nichts bleibt. Auch Verfassungen. Auch Rechtsordnungen. Auch Staaten.
3. Kritik am Dogma
Die westliche Rezeption des Buddhismus hat genau das getan, wovor der Buddha warnte: Sie hat ihn verschriftlicht, systematisiert, in Dogmen gegossen. "Nirvana ist das höchste Ziel" — das klingt nach Programm, nach Leistung, nach erreichbarem Zustand.
Aber innerhalb des Buddhismus selbst gibt es die stärkste Gegenkritik: Der Mahayana-Buddhismus mit dem Ideal des Bodhisattva — des Erleuchteten, der freiwillig im Kreislauf der Wiedergeburt bleibt, um anderen zur Befreiung zu verhelfen. Der Bodhisattva verzichtet auf das Nirvana. Das eigene Dogma wird von innen überschritten.
Das ist intellektuelle Redlichkeit — dieselbe, die dieses Buchp für sich beansprucht.
4. Der buddhistische Ansatz als Vision für die aufgelöste Rechtsordnung
Hier liegt die eigentliche Aktualität des Buddhismus für unsere Zeit.
Wir leben in einer aufgelösten Rechtsordnung — das zeigen wir im Kapitel über das Dogma „ein Staat braucht eine Verfassung!“ festgestellt. Die Verfassungen altern, die Muster entziehen sich, die Institutionen simulieren Recht ohne es zu schaffen. Das erzeugt bei den Menschen eine tiefe Verunsicherung: Wenn die Ordnung, auf die ich mich verlassen habe, nicht mehr trägt — woran halte ich mich?
Der Buddhismus antwortet: Lerne loszulassen.
Nicht als Resignation. Nicht als Gleichgültigkeit. Sondern als aktive geistige Haltung: das Festhalten an Formen, Begriffen, Institutionen als Quelle des Leidens zu erkennen — und die Fähigkeit zu entwickeln, in Unbeständigkeit zu leben ohne daran zu zerbrechen.
Anicca — alles vergeht — ist keine Drohung. Es ist eine Befreiung: Wenn die alte Rechtsordnung vergeht, muss ich nicht mit ihr untergehen. Wenn das Dogma "Ein Staat braucht eine Verfassung" sich auflöst, entsteht Raum für das was du formuliert hast: lokal begrenzte, zeitlich befristete, manchmal nur persönliche neue Gleichgewichte.
Das ist buddhistisches Denken in angewandter Form — ohne es so zu nennen.
Und hier schließt sich der Kreis zu Teilhard de Chardin: Sein Omegapunkt ist nicht buddhistisches Nirvana — aber beide beschreiben denselben Bewegungstyp. Nicht Festhalten, sondern Konvergenz. Nicht Beharren, sondern Werden.
Der Unterschied: Teilhard denkt den Prozess kosmologisch und zielgerichtet. Der Buddha denkt ihn personal und offen. Beide zusammen — das ist vielleicht die brauchbarste Vision für Menschen, die in einer Welt ohne sichere Ordnung leben müssen.