„Menschen brauchen Heldenfiguren“

1. Beschreibung des Dogmas

Das Bedürfnis nach Helden ist so alt wie die Menschheit selbst. Es ist der Wunsch nach verkörperter Klarheit und Wahrheit.

Das Alte Testament ist reich an solchen Aufstiegsgeschichten: David, der junge Hirte, besiegt den übermächtigen Goliath. Mose führt das Volk aus der Knechtschaft. Das neue Testament von Jesu Christus führt vom „Kind in der Krippe“ zum gefeierten Helden des Palmsonntags.

Eine besondere Verdichtung ist die Aufstiegsgeschichte von Daniel „Susanna im Bade“ (im Buch Daniel, Kap 10, das zu den Apokryphen zählt). Zwei korrupte Älteste begehren die tugendhafte Susanna und erpressen sie mit einer falschen Anklage. Niemand wagt, gegen die angesehenen Richter aufzustehen – bis der junge Daniel hervortritt. Er durchschaut die Lüge, verhört die beiden getrennt und entlarvt ihren Widerspruch. Durch Weisheit und Mut steigt er selbst zum Richter auf. Das Volk atmet auf: Gerechtigkeit siegt, die alten, verdorbenen Strukturen werden bloßgestellt.

In Zeiten der Orientierungslosigkeit, der Korruption oder des Zusammenbruchs bestehender Ordnungen sehnen sich Menschen nach Gestalten, die Klarheit schaffen, das Unrecht benennen und Hoffnung verkörpern und so zu neuen geigneten Projektions­flächen werden.

2. Kritik am Dogma

Auch in der aufgelösten Rechtsordnung unserer Zeit entsteht das Verlangen nach neuen Heldenfiguren – nach klaren Stimmen, die sagen können: „Wir wissen nun, wer schuld war.“ Das alte Muster – Aufstieg der Helden gegen die korrupten Alten – möchte sich wiederbeleben.

In Zeiten zerfallender fragmentierter Ordnungsräume können diese Heldenfiguren, besser „Projektionsflächen des Wunsches nach Klarheit“, jedoch keine überspannende Strahkraft wie in früheren Zeiten mehr entfalten.

Die neuen Helden können deshalb selbst nur zu Trägern eines neuen, „selektiven Dogmas“ werden. Das Unbequeme, das zu lokal, zu früh oder zu differenziert ist, wird dabei ausgeblendet.

3. Symbiotische Neudeutung

Die Omegapunktzeit kann keine neuen großen Heldenfiguren mehr hervorbringen, die als Einzelne das gesamte Muster retten können. Sie generiert, braucht und findet jedoch viele „kleine Daniels“ – Menschen, die das unsichtbare Recht im konkreten Fall verkörpern und verteidigen, ohne sich selbst als neue Heilsbringer inszenieren zu können.